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Mit Proust in der Küche

 Madeleine-Episode aus Marcel Prousts
„Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“

 

„In der Sekunde nun, wo dieser mit dem Kuchengeschmack gemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog… Ich setze die Tasse nieder und wende mich meinem Geiste zu. Er muß die Wahrheit finden… Er steht vor einem Etwas, das noch nicht ist, und das doch nur er in seiner Wirklichkeit erfassen und dann in sein eigenes Licht rücken kann… Ich verlange von meinem Geist das Bemühen, die fliehende Empfindung noch einmal wieder heraufzubeschwören… Und dann war mit einem Male die Erinnerung da. Der Geschmack war der jener Madeleine, die mir am Sonntagmorgen… meine Tante Léonie anbot… Sobald ich den Geschmack jener Madeleine wiedererkannt hatte,… trat das graue Haus mit seiner Straßenfront hinzu, und mit dem Hause die Stadt, der Platz, auf den man mich vor dem Mittagessen schickte, die Straßen…“

Marcel Proust: Auf den Spuren der verlorenen Zeit; Bd. 1:
Der Weg zu Swann, R. Schottlaender, 2 Tle., Berlin 1926, S. 70-74.

 

 

 "Petites Madeleines" mit schwarzem oder Lindenblütentee

„Petites Madeleines“ mit schwarzem oder Lindenblütentee. (Foto: Theresa Arlt)

 

Richard Wagner an Mathilde Wesendonk
9. Mai 1859

 

„Kind! Kind! Der Zwieback hat geholfen; er hat mich mit einem Ruck über eine böse Stelle hinweggebracht, über der ich seit acht Tagen stockte und nicht weiter konnte. Gestern gings mit dem Arbeitsversuch jämmerlich. … Heute sah ich denn mit vollständiger Trostlosigkeit in den grauen Himmel hinein, und sann nur nach, wem ich nun eine Bitterkeit anhängen wollte. Da ich schon vor 8 Tagen im eigentlichen Componiren nicht weiter konnte (und zwar bei dem Uebergang von »vor Sehnsucht nicht zu sterben« zur kranken Seefahrt), hatte ich’s damals liegen lassen,und hatte dafür zur Ausarbeitung des Anfanges gegriffen, was ich Ihnen vorspielte. … Nun ging’s aber heute auch damit nicht mehr weiter, weil es mir ist, als ob ich das Alles früher schon einmal viel schöner gemacht hätte, und mich jetzt nicht mehr darauf besinnen könnte. – Wie der Zwieback kam, merkte ich nun, was mir gefehlt hatte: mein Zwieback hier war viel zu sauer, dabei konnte mir nichts vernünftiges einfallen; aber der süsse, altgewohnte Zwieback, in Milch getaucht, brachte auf einmal alles wieder in’s rechte Geleise. … Gott, was der richtige Zwieback nicht Alles kann! – Zwieback! Zwieback! du bist die richtige Arzenei für verstockte Componisten, – aber der rechte muss er sein!“
Richard Wagner: Richard Wagner an Mathilde Wesendonk.Tagebuchblätter und  Briefe 1853 – 1871. Alexander Duncker Verlag, Berlin, 1904.
Kap. 80, Brief vom 9. Mai 1859

 

 

Zutaten Madeleine Gebäck

Die Zutaten für die „Petites Madeleines“ à la Proust. (Foto: Theresa Arlt)

 

Die Geschichte der „Madeleine de Commercy“ lässt sich umfangreich nachlesen auf der Seite der Tourismus-Büros von Pays de Commercy: commercy.eu
Die Madeleine von Commercy: Die Geschichte einer Spezialität PDF-Link

Musik im Beitrag:
“Erik Satie: Gymnopedie No 3” (Kevin MacLeod) / CC BY 3.0
Gefunden auf Free Music Archive: freemusicarchive.org

Die berühmte Madeleine-Episode, sowie Wagners Brief und auch den
Tagebucheintrag von Bismarcks Sekretär las Peter Dreessen, Sprecherin Theresa Arlt.

1 Kommentare

  1. Katharina Arlt sagt

    Ich bin wieder sehr begeistert. Der Beitrag ist gut durchdacht und gelungen!

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