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„Wir sitzen alle in einem Boot und wir alle wollen sicher ans Ziel kommen…“

Für die heutige Folge sprach ich mit der Migrationsberaterin In Am Sayad Mahmood. Die gebürtige Irakerin lebt seit zwanzig Jahren in Dresden und bekam für ihr unermüdliches soziales Engagement 2014 das Bundesverdienstkreuz am Bande.

In Am Mahmood

„Ich bin die Frau Mahmood. Mein Vorname ist In Am. ‚In Am’ bedeutet Gottesgeschenk, da ich am Tag des Opferfestes zur Welt gekommen bin. Meine Eltern empfanden dies als ein Geschenk Gottes und deshalb bekam ich diesen Namen. Ich bin im Irak geboren und 1996 mit meiner Familie aus dem Irak nach Deutschland geflohen.“

In Am Sayad Mahmood in ihrem Büro im Ökumenischen Informationszentrum in Dresden. (Foto: T. Arlt, Januar 2017).

Zum ersten Mal getroffen habe ich Frau Mahmood auf dem jüdischen Foodfestival „Gefilte Fest“ in Dresden. Hier hielt die gebürtige Irakerin Anfang November im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem Gemeinderabbiner Alexander Nachama der Dresdner Synagoge einen Vortrag über die Bedeutung des Fastens im Islam und Judentum.

Im darauffolgenden Dezember 2016 besuchte ich sie in Ihrem Büro im Ökumenischen Informationszentrum in Dresden. Hier arbeitet sie als Migrationsberaterin, neben ihrer Tätigkeit als Vorsitzende des Dresdner Ausländerrates.

2014 erhielt In Am Sayad Mahmood für ihr Bemühen um den christlich-jüdisch-islamischen Dialog und das Verständnis für kulturelle Diversität das Bundesverdienstkreuz am Bande. Denn die gebürtige Irakerin vereint vor allem durch ihr ehrenamtliches Engagement viele Berufe in einer Person.

In Am Mahmood: Sprachmittlerin, Kulturmittlerin, Sozialarbeiterin und gleichzeitig auch Bildungsreferentin für den christlich-islamischen Dialog, ehrenamtliche Mitarbeit/Seelsorgertätigkeit von muslimischen Gefangenen in der Justizvollzugsanstalt Dresden, Vorstandsvorsitzende des Ausländerrates Dresden e.V., Vorsitzende des Irakischen Kulturklubs e.V., Gemeindedolmetscherin für Arabisch und Persisch, Migrationsberaterin im Ökumenischen Informationszentrum Dresden.

Akustisches Plankton: In Am Mahmood lebt seit zwanzig Jahren in Dresden und weiß durch ihr berufliches und ehrenamtliches Engagement um die Probleme dieser Stadt. Als in den letzten zwei Jahren die negativen Meldungen über Dresden in den Medien immer lauter wurden, hat sie dennoch in einem Radio-Interview betont, dass sie hier bleiben möchte und zwar mit ihrem Kopftuch.

2016, die Vorbereitungen für die Feierlichkeiten für den „Tag der Deutschen Einheit“ stehen an und dieses Mal in Dresden. – Doch eine Woche vor dem 3. Oktober gab es erneut negative Meldungen. – Zwei Sprengstoffanschläge werden verübt, einer auf der Terrasse des Internationalen Kongresszentrums am Elbufer, ein weiterer auf die Moschee im Stadtteil Cotta, hier trifft es die Familie des Imams, die im gleichen Gebäudekomplex wohnt, sie werden brutal in der Nacht aufgeschreckt. – Der mutmaßliche Täter der beiden Explosionen ist zum Zeitpunkt unseres Gespräches seit ein paar Tagen bekannt. Ich frage Frau Mahmood, wie sich die Atmosphäre verändert hat und ob sich daraus mehr Ängste entwickelt haben.

In Am Mahmood: Obwohl dieses Attentat auf die Moschee (im Stadtteil Dresden-Cotta) eine große Aktion war, gab es auch davor schon Frauen mit Kopftüchern, die belästigt, beleidigt oder angegriffen wurden. Das sind alles negative Erfahrungen, die Menschen hier gesammelt haben. Aber ich würde nicht sagen, dass einzelne Fälle verallgemeinert werden sollen und damit das ganze Stadtklima bestimmen.
Wir leben in einer Stadt, das sage ich immer wieder, die vor allem geprägt ist von ihrer Geschichte, ihrer Kultur, ihrer Musik und ihren historischen Orten und Plätzen. Es ist vor allem dieses Bild von der Stadt, was wir in unseren Augen und Herzen tragen. Im Vergleich sind solche Taten „kleinen Sachen“, allerdings nur für sich genommen, sind es natürlich schwerwiegende Ereignisse. Doch solche Taten sollen nicht das ganze Image von Dresden bestimmen. Ich finde es wirklich unfair, wenn jemand alle Dresdner oder die Stadt wegen solcher unangenehmer Taten beschuldigt.
In diesem Fall bin ich besonders froh und dankbar darüber, dass die Staatsanwaltschaft bekannt gegeben hat und damit die Information an den Bürger weitergegeben hat, wer der Täter gewesen ist. Jeder, der eine Gewalttat begeht, egal woher, ob Iraker, Syrer, oder ein Marokkaner oder ein Deutscher, egal wer, wer eine Gewalttat begangen hat, sollte nach dem Deutschen Recht bestraft werden.
Was jedoch merkwürdig im Fall der Moschee (im Stadtteil Dresden-Cotta) ist, dass daneben auch ein wichtiger Ort von Dresden – das Internationale Congress Center Dresden – angegriffen wurde. Ein internationaler Austauschort für alle Nationen, die hierher kommen und sich treffen oder zu besonderen Veranstaltungen anreisen. Das heißt dort anzugreifen, bedeutet auch, dass es nicht nur eine Angriff gegen Muslime war, sondern auch gegen ein ‚offenes Dresden‘! Wir haben hier einen sehr großen Teil der Bevölkerung, die multikulturell sind und die eine offene Welt kennen. Menschen, die nicht nur unter sich bleiben wollen, in ihren vier Wänden, sondern sich für alle Menschen, alle Völker öffnen, solange alle im Rahmen des Gesetzes handeln.

Akustisches Plankton: Vor zwanzig Jahren floh In Am Sayad Mahmood mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern nach Deutschland. Da in ihrer Heimat, dem Irak, zunächst ihr Mann und später ihre gesamte Familie von Saddam Husseins Regime verfolgt wurden und ein normales Leben, ein normaler Alltag für die Familie nicht mehr möglich waren.

„Irgendwann verloren wir die Hoffnung auf positive politische Veränderungen in unserem Land. Da machten wir uns auf den Weg.“

In Am Mahmood: Das Problem, warum wir im Irak nicht bleiben konnten, war, dass mein Mann Familien, deren männlichen Angehörige im Gefängnis waren, humanitär und sozial unterstützt hat. Diese Hilfe wurde aus der Sicht des Regimes als Widerstand empfunden. Er war nicht allein, er war einer von Tausenden. Doch jeder Name, der bekannt wurde, erhielt Drohungen und wurde verfolgt. Damit war nicht nur mein Mann bedroht, sondern auch unsere ganze Familie. Wir versuchten heimlich noch einige Jahre im Nachbarland Iran zu bleiben, aber das ging nicht auf Dauer. Wir haben zwei Kinder, eines unserer Kinder ist schwer behindert, so dass wir medizinische Hilfe in Form eines Arztes, Untersuchungen usw. benötigten. Irgendwann verloren wir die Hoffnung auf positive politische Veränderungen in unserem Land. Da machten wir uns auf den Weg.

Akustisches Plankton: Bevor In Am Mahmood sich mit ihrer Familie entschloss den Irak Mitte der 1990er Jahre zu verlassen, sah ihr beruflicher Alltag jedoch ganz anders aus. – In ihrer Geburts- und Heimatstadt Bagdad hatte sie Elektrotechnik studiert und darauf als Ingenieurin an der Universität gearbeitet. In Deutschland, in Dresden begann sie zunächst sich in vielen Projekten ehrenamtlich einzubringen. Doch aufgrund ihrer persönlichen Erfahrung wechselt sie beruflich von der Wissenschaft in den sozialen Bereich.

In Am Mahmood: Damals habe ich mit ganzem Herzen und Freude mein Studium beendet und danach als Ingenieurin gearbeitet. Ich bereue es nicht, dass ich damals dieses Studium gewählt habe. Aber ich habe jetzt meine Fähigkeiten mehr im sozialen Bereich entdeckt. Diese Beziehung, diese herzliche und gleichzeitig auch dieses zwischenmenschliche Vertrauen, das baut eine Brücke zwischen mir als Beraterin und meinen ‚Klienten’, die zu mir in die Beratung kommen. Ich erhalte viele positive Rückmeldungen. Meine ‚Klienten’ sagen, dass eine solche Beratung ihnen sehr hilft, auch ein Stück Vertrauen zu fassen und sie ermutigt hier zu bleiben.

Akustisches Plankton: Dabei war Deutschland vor zwanzig Jahren gar nicht das erste Ziel von Familie Mahmood. Eigentlich hatte die Familie aus persönlichen Gründen vor nach Dänemark auszuwandern.

In Am Mahmood: Es ist bekannt, dass Fliehen und Flucht nicht nur aus eigener Kraft geschieht, sondern mit der Hilfe von Schleppern. Man hatte uns damals gesagt, wenn es nicht klappt, dass ihr es über Deutschland nach Dänemark schafft, dann beantragt Asyl in Deutschland. Und ich bin Gott tausendmal dankbar, dass ich hier einen Asylantrag gestellt habe.
Ich fühle mich hier heimisch und nicht erst seit 2012 als ich die deutsche Staatsbürgerschaft erworben habe, sondern schon viel länger. Heimat ist nicht immer, das Land, wo man geboren wurde. Heimat ist, wo man sich zugehörig fühlt, wo man dieses Verantwortungsgefühl hat, wo man für das Land etwas tut und vor allen Dingen tun möchte. In diesem Sinne ist Deutschland und vor allem Dresden für mich eine Heimat. Das bedeutet jedoch nicht, dass ich alles, was im Irak passiert ist, da wo ich geboren wurde und studiert und gearbeitet habe, vergessen habe. Nein, um Gotteswillen. Aber ich empfinde für mein Land mehr Leid als Sehnsucht. Das schmerzt mich. Manchmal denke ich, wenn das Land wieder richtig funktionieren würde, es wäre schön, dort wieder zu Besuch hinzufahren, aber ich behalte lieber die alten Bilder, als die zerstörten Bilder, die mir mehr weh tun als der Blick zurück.

Akustisches Plankton: Obwohl In Am Mahmood in Dresden eine neue Heimat, ein neues Zuhause, für sich und ihre Familie gefunden hat und sie vor allem in zahlreichen sozialen Projekten die Verständigung und Integration vorantreibt, war dies auch ein langer Weg und der Neubeginn im Jahr 1996 in Deutschland, in Dresden, alles andere als leicht.

In Am Mahmood: Die Veränderung ist wirklich deutlich. Vor zwanzig Jahren war es eine ganz andere Situation, ganz andere Umstände. Wir hatten damals im Heim gelebt, und keine sogenannte „Gewährleister-Wohnung“, die Leistungen, die wir erhielten waren eher materiell als finanziell. Wir bekamen zweimal in der Woche ein Essenspaket. Die Unterkünfte befanden sich damals teilweise an anderen Orten in der Stadt, die Anzahl der Heime war vor zwanzig Jahren auch noch sehr gering.

Akustisches Plankton: Später erzählt mir In Am Mahmood, dass nur sehr wenige Flüchtlingsheime in Dresden existierten, d.h. es gab nur Gemeinschaftsunterkünfte, auch für Familien. Erst vor zwei Jahren mietete die Stadt verstärkt Wohnungen für asylsuchende Familien an. Doch da die Zahl der Flüchtlinge im letzten Jahr zurückgegangen ist, hat die Stadt angekündigt bis Ende 2018 etwa 680 dieser Wohnungen wieder abzugeben.

„Hierbei ist aber auch wichtig, dass wir die Asylsuchenden als Menschen behandeln und im Sinne des Grundgesetzes handeln und ihre Würde nicht verletzen.“

In Am Mahmood: Einige positive Schritte wurden bereits geplant und umgesetzt. Aber die Arbeit ist nicht leicht und auch die Bedingungen sind immer noch nicht optimal. Meine Erkenntnis, die sich sowohl an die Behördenseite als auch an die Immigranten richtet, die nach Dresden kommen bzw. zu mir in die Beratung: Niemand ist eingeladen. Es gibt keinen Menschen, der eine Einladung erhalten hat: Bitte kommen Sie nach Deutschland! Das müssen wir erst einmal anerkennen. Das bedeutet aber auch, dass Asylbewerber nach deutschem Recht das Recht haben einen Antrag auf Asyl zu stellen. Hierbei ist aber auch wichtig, dass wir die Asylsuchenden als Menschen behandeln und im Sinne des Grundgesetzes handeln und ihre Würde nicht verletzen.

Akustisches Plankton: Auch wenn sich einiges positiv verändert hat, gibt es immer noch viel Nachholbedarf, gerade im Bereich der sozialen Betreuung. Im Jahr 2014 wurden in Dresden noch durchschnittlich 200 Flüchtlinge von einem Sozialarbeiter betreut, mittlerweile hat sich dieser Betreuungsschlüssel verbessert. Im Moment betreut ein Sozialarbeiter 100 Asylbewerber. Doch wer tatsächlich im sozialen Bereich tätig ist, weiß, dass Zahlen auf dem Papier, nicht unbedingt der Praxis entsprechen, wie In Am Mahmood mir ebenfalls berichtete.

In Am Mahmood: Seit Ende 2014 gibt es eine soziale Betreuungsstruktur für Menschen, die sich im Asylverfahren befinden. Das heißt, Sozialarbeiter begleiten die Asylbewerber von Anfang an. Sie zeigen ihnen, wo sie wohnen und erklären, was wichtig ist und sagen ihnen auch, welche Ämter, wie z.B. Sozialamt, Ausländerbehörde, Meldestelle, Umgang mit der Post, Bank etc. wichtig sind. Diese Betreuung ist somit gesichert. Allerdings ist der Betreuungsschlüssel immer noch ein Problem. Leider gibt es immer Vor- und Nachteile. Die angemieteten Wohnungen für asylsuchende Familien sind im Grunde genommen eine positive Leistung, allerdings wird die Betreuung durch die Sozialarbeiter etwas schwieriger. Da die Wohnungen sich in verschiedenen Stadtteilen in Dresden befinden und nun die Sozialarbeiter in der gleichen Zeit alle Familienmitglieder betreuen, gibt es oft einen Zeitmangel.

Einige Migranten und Flüchtlinge, die nach Deutschland, nach Dresden kommen, befinden sich in einem schlechten gesundheitlichen Zustand und benötigen dringend medizinische Hilfe. Weitere Probleme können zum Beispiel bei Familien mit Kindern sein, sie brauchen einen Kindergarten- oder Schulplatz. Hier benötigen sie vor allem Unterstützung bei der Suche nach einem Platz und die Hilfe beim Antragstellen, denn davon hängt es ab, ob ihre Kinder in die Schule oder in den Kindergarten gehen können. Doch der aktuelle Betreuungsschlüssel lässt keine umfangreiche Betreuung zu. Früher betreute ein Sozialarbeiter 200 Asylbewerber, später lag die Betreuungsrelation bei 1:150 und dann bei 1:100. Die derzeitige Bestrebung im Betreuungsschlüssel liegt bei 1:80. Ich sage Ihnen, diese Zahlen kann man nur auf dem Papier schaffen, in Wirklichkeit ist es ganz anders. Professionell kann das keiner schaffen, nur wenn man umgangssprachlich gesprochen ‚Husch-husch- macht’ ist es vielleicht möglich als einzelner Sozialarbeiter 80% zu betreuen. Doch das wäre keine professionelle Betreuung!

Akustisches Plankton: Dass Frau Mahmood die Personen, die zu ihr in die Beratung kommen, als Menschen behandelt und nicht nur ihre Arbeit erledigt, merke ich selbst auch sehr schnell während unseres Gesprächs. Es ist ihr wichtig, eine Vertrauensbasis zwischen ihren ‚Klienten’ und sich zu schaffen und das gelingt eben oft nur, wenn man zu hört und sich Zeit nimmt zum Erklären, nur so lassen sich Missverständnisse vermeiden.

In Am Mahmood: Ich erkläre oder helfe nicht nur beim Formularausfüllen. Je nach dem wie viel Zeit ich für eine Beratung habe oder ich ermöglichen kann, versuche ich auch immer zu erklären, warum dies oder jenes ausgefüllt und beantwortet werden muss. Zum Beispiel, wenn der Arbeitslosengeld II Antrag ausgefüllt werden muss. Ich streiche dann auch einige Stellen durch und weise dann aber wiederum auf wichtige Stellen hin und erkläre auch, dass das Formular das gleiche ist wie für einen Deutschen. Aber einige Punkte treffen dann aber eben nicht auf meine ‚Klienten’ zu und diese Punkte streiche ich weg, damit wir mehr Zeit haben und erkläre, dass sie sich keine Sorgen machen müssen, dass ich das Formular falsch ausfülle.

Es gibt natürlich auch Helfer, die Arabisch sprechen, die aber aufgrund von Zeitmangel und aufgrund nicht ausreichender Sprachkenntnisse, da sie vielleicht keine Muttersprachler sind, nicht alles ausführlich erklären können, so dass viele Migranten nicht verstehen, warum dieses oder jenes Feld ausgefüllt wird und andere nicht. Doch es ist sehr wichtig, dass die Menschen verstehen, warum dieses oder jenes Formular so ausgefüllt wird. Einer meiner Klient hat mir einmal gesagt: ‚Niemand hat mir erklärt, warum das so ausgefüllt wird. Aber jetzt wo Sie mir es erklärt haben, verstehe ich es.’ Die Menschen sollen das ‚Warum’ verstehen und das ist unsere Aufgabe als Migrationsberatungsstelle. Es geht nicht darum ihnen beim Formularausfüllen zu helfen, sondern ihnen die einzelnen Schritte der Integration zu erklären. – Was ist Kindergeld? Was ist Elterngeld? Warum muss man das beantragen? Was ist GEZ? – ‚Ja, da habe ich den Brief weggeworfen, weil ich keinen Fernseher habe’, sagten einige meiner ‚Klienten’. GEZ-Gebühren gibt es nicht im Irak, in Lybien, in Syrien oder Somalia, Afghanistan oder Eritrea. Deshalb ist es wichtig, dass wir das erklären und nicht nur das Formular ausfüllen. Denn wenn sie die Zusammenhänge verstehen, dann entwickeln sie auch ein Sicherheitsgefühl. Es ist natürlich nicht leicht, auch hier in der Beratungsstelle versuche ich den Menschen aus Syrien, aus Eritrea, aus dem Irak, aus Afghanistan diese Länder-Unterschiede verständlich zu machen und dabei möchte ich nicht dauernd sagen müssen ‚In Deutschland macht man das aber so.’ – Diesen Satz mag ich überhaupt nicht! Aber wir haben hier andere Strukturen als in anderen Ländern. Jedes Land hat seine eigenen Gesetze und Ämter, und vieles, was in Syrien oder im Irak gilt, ist hier in Deutschland ganz anders, das ist schwer zu vermitteln.

Akustisches Plankton: Ja und dann ist da noch die Sache mit der Religion. In Sachsen ist die Mehrheit der Bevölkerung konfessionslos. Der Anteil der religiösen Menschen beschränkt sich auf etwa 28%, davon ist der überwiegende Teil protestantisch, etwa vier Prozent katholisch, ein geringer Teil jüdisch und 1 % gehören einer anderen Religionsgemeinschaft an. Doch wie immer bilden Zahlen nicht die ganze Realität ab. – Trotz allem gibt es neben den christlichen Glaubensgemeinschaften in Dresden auch eine islamische Gemeinde, die seit den 1980er Jahren besteht und zur Zeit stehen den praktizierenden Muslimen drei Moscheen zur Verfügung. Im Jahr 2001 weihte die jüdische Gemeinde ihre neue Synagoge ein.

In Am Mahmood:  Aus meiner Sicht, kann das auch nicht den realen Zahlen entsprechen, denn nicht nur derjenige, der in die Kirche geht, ist religiös. Es gibt natürlich auch Menschen, die ihren Glauben ohne Kirche oder Kirchensteuer ausüben. Für viele spielt Religion keine so große Rolle, vielleicht auch bedingt durch die Geschichte und DDR-Zeit. Aber es bleibt diese Unwissenheit, und auch der mangelnde Kontakt zu Menschen, die religiös sind. Nicht jeder Fremde, Ausländer, Migrant, der nach Deutschland kommt, ist automatisch religiös. Zum Beispiel gehörten viele Iraker, die während der DDR-Zeit nach Deutschland kamen, der kommunistischen Partei an. Es bleibt trotz allem eine Lücke im Wissen über Islam und Judentum als Religionen, auch wenn durch die Geschichte Deutschlands das Judentum eine andere Stellung einnimmt.

Akustisches Plankton: Und manchmal kommen zur Unwissenheit dann auch noch Vorurteile dazu. Aber was heißt es eigentlich religiös zu sein?

„Diese Beziehung zu Gott, ist eine private Beziehung. (…) Wir müssen einander nicht belehren oder die Werte der anderen Religionen in Frage stellen. (…) Wir sitzen alle in einem Boot und jeder versucht seinen sicheren Platz zu finden und wir alle wollen sicher ans Ziel kommen. So verstehe ich Religion …“

In Am Mahmood: Leider schauen die meisten Menschen nur auf die Nachrichten in den Medien, und verbinden mit der Religion nur die schlechten Taten, über die berichtet wird bzw. werden die positiven Nachrichten nicht so wahrgenommen. Deshalb liegt ein Teil der Verantwortung auch bei den Medien, ausgeglichen oder neutral zu berichten, natürlich gibt es schlechte Taten, die wir alle ablehnen und nicht begrüßen, aber das heißt nicht, dass es andere nicht gibt. Aber wenn wir von beidem hören, ist es für die Bevölkerung auch ein Signal, dass es nicht nur Negatives gibt, sondern auch positive Nachrichten. Aber wenn man das negative Verhalten, Themen in den Nachrichten immer wiederholt und betont, dann entsteht ein einseitiges Bild.

Diese Beziehung zu Gott, ist eine private Beziehung. Jeder hat seine eigene Art und Weise, seine persönliche Beziehung. Meiner Meinung nach, so wie ich Religion verstanden habe, verfolgen wir alle das gleiche Ziel. Wir müssen einander nicht belehren oder die Werte der anderen Religionen in Frage stellen. Wir sitzen alle in einem Boot und jeder versucht seinen sicheren Platz zu finden und wir alle wollen sicher ans Ziel kommen. So verstehe ich Religion, deshalb kann ich andere religiöse Menschen, die diese Meinung nicht teilen, nicht verstehen. Ich habe vor jeder Religion Ehrfurcht, besonders vor dem Islam, aber ich kann mir auch vorstellen, nach all dem Gehörten über Judentum und Christentum, dass wir alle den gleichen Gott haben. Wir gehen nur unterschiedliche Wege, doch niemand darf dem anderen machen, dass er den falschen Weg genommen hat. Jeder sucht sich seinen eigenen Weg auf dem er sicher zum Ziel gelangt.

Akustisches Plankton: Seit zwanzig Jahren lebt In Am Mahmood in Dresden und weiß, wie sich das Ankommen in einer anderen Kultur anfühlt, sie kennt die derzeitige Situation der Asylbewerber sehr gut, deshalb wollte ich zum Abschluss von ihr wissen, was sie sich wünschen würde in Bezug auf die Gesellschaft und die Integration.

In Am Mahmood: Was ich mir noch wünsche? – Ich wünsche mir, dass die Menschen, die eine gesicherte Position haben, dass sie in der Gesellschaft eine verantwortungsvolle Rolle übernehmen, indem sie anderen Chancen einräumen und nicht nur nach Formalien urteilen. Das heißt eben, nicht danach schauen, ob das Zeugnis in Deutschland anerkannt ist oder nach dem deutschen Zeugnis ausgeglichen wird. Denn jeder Mensch hat sein Potenzial, jeder Kopf ist klug in besonderen Bereichen. Und wenn wir dann die Potentiale erkennen und die Chancen für jeden einräumen, dann haben wir eine Strategie für unser zukünftiges Leben, nicht nur für uns allein, unter uns Deutschen, sondern wir sind offen für neue Ideen und junge Menschen von überall her. Der teilweise durch Gesetze bedingte Bürokratismus ist nicht sinnvoll. Wir müssen die Gesetze genauer betrachten, manche sind antiquiert für unsere heutige Zeit. Als ich 14 Jahre alt war, habe ich ein Kleid angezogen, es hat mir gepasst, aber wenn ich es heute anziehe, passt es mir nicht mehr. Was soll ich tun? Soll ich so stark abmagern, damit ich das Kleid wieder tragen kann? Nein, das geht nicht, wir müssen die Kleider an unsere Zeit anpassen. Gesetze sind sinnvoll, aber es gibt auch Gesetze, die für die Gegenwart nicht mehr relevant oder zeitgemäß sind. Sonst leben und arbeiten wir im Heute, aber denken z.B. wie vor 70 Jahren. Die Gesetze wurden im Interesse des Menschen entwickelt, das heißt, nicht der Mensch soll den Gesetzen dienen. Gesetze haben keine Seele, Menschen haben eine Seele und sind aus Fleisch und Blut.

Vielen Dank fürs Zuhören, vielen Dank auch an In Am Sayad Mahmood für das persönliche Gespräch!

Verwendete Beitragsmusik:

„Mother’s Hands“ (Sergey Cheremisinov) (CC BY-NC 4.0)
„Libertad“ (Iriarte and Pesoa) / (CC BY 4.0)

Gefunden auf Free Music Archive: freemusicarchive.org

Sprecherin: Theresa Arlt.
Fotos und Grafiken: T. Arlt, Januar 2017.

Dieser Beitrag steht unter einer (CC BY-NC-ND 2.0 DE) – Lizenz. Die verwendete Beitragsmusik unterliegt der oben angegeben Lizenz.

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