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Von Utopien wie Star Trek und Weltreligionen – der israelische Künstler Eran Shakine

 

Anfang 2017 stellte der israelische Künstler Eran Shakine im Jüdischen Museum Berlin aus. „A Muslim, a Christian and a Jew“ so beginnen nicht nur alle Bildtitel in der Ausstellung, – diese an einen Witz anmutende Zeile ist zugleich auch Titel der Ausstellung. Ab Februar 2018 wird die Ausstellung im Jüdischen Museum München zu sehen sein.

ERAN SHAKINE

Ja, der Ausstellungstitel soll wie der Beginn eines Witzes klingen, denn als Künstler möchte ich mit meiner Kunst die Aufmerksamkeit der Menschen erlangen. Wir werden täglich überflutet von Bildern, deshalb muss sich Kunst durchsetzen. Es ist ein schwerer Job für die Kunst die Menschen zu erreichen, so dass sie von ihren Bildschirmen aufschauen und ihre Umgebung wahrnehmen. Deshalb müssen wir als Künstler mit allen Mitteln versuchen die Aufmerksamkeit der Menschen auf die Kunst zu lenken. Ich denke auch, dass Comics oder Witze ein Weg sein können, um Menschen zu erreichen, die normalerweise nicht an moderner Kunst interessiert sind und vielleicht bringt es sie dazu, einfach inne zu halten und die Kunst zu betrachten. Es ist eine Art Falle, die ich aufstelle.

Ich denke, meine Ausstellung ist keine über Religion, es geht mehr um das Soziale. Eigentlich geht es in all meinen Kunstwerken, um soziale Probleme, nur äußerlich haben sie unterschiedliche Gesichter. Ich bin nicht gegen Religionen und ich will Menschen auch nicht zum Lachen über Gläubige bringen. Es ist nur ein anderer Weg sich anzunähern. Ein anderer Zugang kann bewirken, dass Besucher ihre Meinung äußern und anfangen zu denken und wenn sie beginnen darüber nachzudenken, dann habe ich meinen Job getan. Dabei möchte ich sie nicht zu einem bestimmten Konsens bringen oder zu einer bestimmten Idee lenken. Die Idee ist eigentlich keine Idee zu haben und offen zu sein oder zu bleiben.

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Der gebürtige Israeli bezeichnet sich selbst auch nicht als religiös.

„Ich habe kein Problem mit Religionen. Ich bin nicht religiös.“

ERAN SHAKINE

Ich habe kein Problem mit Religionen. Ich bin nicht religiös. Wir sind alle Menschen und wir sind alle gleich. Tief in uns drinnen suchen wir alle nach Glück, religiöse Menschen finden ihr Glück auf einem anderen Weg als wir.

„Früher war Hergé für mich lange Zeit eine Art Michelangelo.“

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1962 kommt Eran Shakine als Kind zweier Holocaust-Überlebender in Israel zur Welt. Die Mutter aus Ungarn, sein Vater Franzose, beide kamen erst nach dem Zweiten Weltkrieg nach Israel. Er selbst überlebt fünf Kriege in seinem Heimatland, den ersten mit sechs Jahren. In einem Interview erwähnt er, dass er als Kind im Bunker Jules Vernes „In 80 Tagen um die Welt“ las und fasziniert von dessen Weltanschauung –  Jules Vernes für einen der „letzten Universalgelehrten“ hält. Ein weiterer Held seiner Kindheit ist wohl Hergés Tintin (Tim und Struppi), dessen Einfluss man deutlich in seiner Kunst spürt.

ERAN SHAKINE

Beide sind Helden für mich. Früher war Hergé für mich lange Zeit eine Art Michelangelo. Mein Vater ist Franzose.

Mein Großvater lebte in Paris, während ich in Tel Aviv aufwuchs, sah ich ihn vielleicht bis ich dreizehn oder vierzehn war nie. Doch zu all meinen Geburtstagen oder zu besonderen Anlässen bekam ich von ihm Comics von Tintin oder Asterix geschickt. Das war für mich immer ein besonderer Moment.

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In den 1980er Jahren lebte Eran Shakine für einige Jahre in New York , wo er dem Mitbegründer der Künstlergruppe COBRA Karel Appel assistierte und auch hier findet er künstlerische Inspiration. Begeistert von der Straßenkultur und Graffiti zählen von nun an auch Keith Haring und Michel Basquiat zu seinen Vorbildern und färben seine künstlerische Handschrift.
Nach Aufenthalten in Paris und London arbeitet Shakine heute in Tel Aviv.

„Ich denke in Zukunft werden wir nur noch Städte haben und keine Länder mehr, die identitätsstiftend fungieren.“

ERAN SHAKINE

Weißt du, Israel ist nicht Tel Aviv. Tel Aviv ist wie New York oder Berlin. Ich denke in Zukunft werden wir nur noch Städte haben und keine Länder mehr, die identitätsstiftend fungieren.

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In Israel, in Tel Aviv ist das Thema der Religionen, eben nicht nur ein Privates, sondern auch ein politisches, ein kulturelles oder eben wie für Eran Shakine ein soziales Thema. – Doch stiftet Religion auch Identität? Diese Frage stellte ich Eran Shakine ebenfalls: Gibt es eine jüdische Identität, die nicht durch die Religion bestimmt wird?

ERAN SHAKINE

Ich denke über solche Dinge nicht nach, wir sind alle Menschen. Religion ist ein Teil der Person wie die Haut- oder Haarfarbe. Ich denke nicht darüber nach, warum ist er blond oder warum ist er schwarz, gut, dann ist er schwarz oder blond, komm lass uns reden. Es geht ja darum, was man für Bilder im Kopf hat, wenn du eine nette Person bist, dann bist du eine nette Person oder du bist eben keine, aber das alles hat nichts mit der Religion zu tun oder ob du religiös bist oder nicht.

Ich wurde im Norden von Tel Aviv geboren, aber die meiste Zeit meines Lebens verbrachte ich in Jaffa. Es ist eine Stadt, wo alle: Muslime, Christen, Juden zusammen in der Nachbarschaft oder im gleichen Wohnhaus leben. Das war also Teil meiner Kindheit, und außerdem ist Tel Aviv klein. Damals war ich war verletzt, als Schüler an meiner Schule im Norden von Tel Aviv etwas Schlechtes über Muslime sagten. Denn sie wussten  nichts über sie, sie kannten meine muslimischen Freunde nicht. Sonst hätten sie nicht so über sie gesprochen. So bin ich aufgewachsen und das hat mich geprägt.

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In Israel zählt die Mehrheit zur jüdischen Bevölkerung, etwa 16% sind Muslime und rund 2 % gehören dem Christentum an, in Deutschland ist das Verhältnis dieser drei Weltreligionen ein umgekehrtes, hier leben etwa 4,7 Mio Muslime, rund 200 000 Juden (das entspricht etwas weniger als 1 % der deutschen Bevölkerung) und mehr als 45 Mio Christen, also rund 55 %.

„Insgesamt kamen 260 000 Besucher in die Ausstellung in Berlin in nur drei Monaten, was wirklich unglaublich ist! Selbst die Angestellten im Museum konnten es nicht glauben, dabei waren nur 5 % der Besucher aus Berlin, was ja auch sehr überraschend ist und ich fand das aufregend!“

ERAN SHAKINE

Ich habe viel Feedback von überall auf der Welt erhalten, Positives und Negatives.

Zum Beispiel gab es da einen religiösen jüdischen Mann, er schrieb mir eine E-Mail, in der er schrieb, dass er  sich angegriffen fühlte, dass die Ausstellung im Jüdischen Museum gezeigt worden ist. Für ihn sei das kein Ort für diese Ausstellung, sie hätte in einem christlichen oder muslimischen Museum gezeigt werden sollen. Er meinte, dass Juden dies nicht akzeptieren würden und das ich versuchen würde Juden zu erziehen und das nicht „wir“ belehrt werden müssten, sondern die „anderen“. Genau dagegen ist meine Ausstellung, denn es gibt kein „wir“ und „die anderen“, wir sind alle gleich! Es gab verschiedene Rückmeldungen, ein Muslim schickte mir seitenweise Auszüge aus dem Koran, ich habe es nicht alles gelesen. Es gab also die verschiedensten Reaktionen, ich bekam viele E-Mails und Leute fühlten sich angesprochen, was gut ist, natürlich gab es auch richtig viel positive unterstützende E-Mails und Menschen die wirklich berührt wurden  und mir mitteilten, dass sich ihr Blickwinkel verändert habe und sie zum Andersdenken angeregt habe. Darüber freue ich mich natürlich sehr! Ich denke, diese Ausstellung ein erstaunlicher Erfolg war!

Insgesamt kamen 260 000 Besucher in die Ausstellung in Berlin in nur drei Monaten, was wirklich unglaublich ist! Selbst die Angestellten im Museum konnten es nicht glauben, dabei waren nur 5 % der Besucher aus Berlin, was ja auch sehr überraschend ist und ich fand das aufregend!

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Dass die Ausstellung ein großer Erfolg war, ist nicht zuletzt der hohen künstlerischen Produktivität Shakines zu verdanken. Da viele Bilder der Ausstellung das Datum 2016 trugen, habe ich den israelischen Künstler auf den kreativen Entstehungsprozess seiner Bilder angesprochen.

ERAN SHAKINE

Manchmal wache ich drei Uhr nachts auf und habe eine Idee für ein Bild und manchmal fängt es mit einem Text an. Ich habe einen Text in meinem Kopf und dann kommt das Bild dazu. Aber weißt du, es ist so, ich habe mehr eine Wolke an Ideen in der Nacht im Kopf, aber ich stehe dann nicht auf, sondern bleibe im Bett liegen und denke weiter nach und schlafe dann wieder ein. Die EINE Idee, die mir dann bis zum Morgen im Kopf bleibt, bei dieser denke ich dann  „Oh, vielleicht sollte ich das tatsächlich ausprobieren.“ Die Ideen, die ich bis zum morgen vergessen habe, sind dann eben nicht so gut, das ist so eine Art Sondierungsprozess.


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In Berlin gibt es ein Projekt namens House of one, hier haben sich Christen, Muslime und Juden zusammengeschlossen. Per Crowdfunding bauen sie ein Haus, das äußerlich weder an eine Kirche, Moschee oder eine Synagoge erinnern soll. Ihr Konzept stützt sich auf die Idee von Martin Luther Kings Nobelpreisrede aus dem Jahr 1964.

„Star Trek ist eine Utopie, es ist so als hättest du eine Föderation z. B. wie die Vereinten Nationen (UNO), die alle kontrollieren und sich um jeden kümmern, doch leider entwickelt sich unsere Welt mehr in Richtung Blade Runner, wir nähern uns der Filmrealität immer mehr an.“

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Ich habe Eran Shakine auch gefragt, ob es in Israel bereits ähnliche Projekte wie das Haus of one gibt, oder ob er diese Idee eher für eine Utopie hält.

ERAN SHAKINE

Ich denke, das ist ein guter Zugang, es hört sich gut an. Star Trek ist eine Utopie, es ist so als hättest du eine Föderation z. B. wie die Vereinten Nationen (UNO), die alle kontrollieren und sich um jeden kümmern, doch leider entwickelt sich unsere Welt mehr in Richtung Blade Runner, wir nähern uns der Filmrealität immer mehr an.

Wir sind sehr weit entfernt von der Utopie, wir müssen lernen mit unserer Erde umzugehen, wir sind im Jetzt und nicht etwas, was wir wünschen in der Zukunft zu sein, wir leben in der Gegenwart.

Vor vielleicht zehn Jahren, habe ich ein Projekt realisiert,  da habe ich auch eine Art Gebetshaus entwickelt. Es war jedoch so klein, dass nur eine Person darin Platz fand, es ist quasi das Gegenteil von dem Projekt (House of one), von dem du erzählt hast. Da ich finde, wenn du mit Gott sein möchtest, solltest du allein mit ihm sein und nicht mit einer Gruppe. Ich erzähle dir das, weil ich glaube, dass Religionen an für sich genommen gut sind. Es sind die Menschen, die anfangen die Religion zu interpretieren, zu reden und versuchen einen Kult aus der Religion zu machen, dabei verfehlen sie immer wieder den Sinn, das worauf es ankommt. Ich denke, wir wollten alle unsere persönliche Verbindung zu Gott aufbauen. Mein Gebetshaus war ein sehr kleiner Raum, so dass du wirklich  für dich sein konntest. Aber ich bin nicht gegen jegliche Annäherung, ich würde das House of one Projekt gern einmal kennenlernen, wenn ich das nächste Mal in Berlin bin und dort mit den Initiatoren sprechen, um zu sehen, woran sie arbeiten.

Ich denke, das ist ein guter Zugang, es hört sich gut an.

ERAN SHAKINE

But you know that the exhibition from Berlin moved to Munich so in springtime  (2018) I will have this exhibition in Munich (…) and it will be a much larger exhibition, because there will be some more sculptures and two floors and not just one floor and others subjects like cultural heroes I am dealing with.

And now we’re gonna do three or four events in the world like this, in Signapore or in Hong Kong, in Berlin. So it’s gonna be like a tour. Which is also very nice to connect people with live art and seeing the art in the making because then everyone can think ‚I can do this or maybe I can do that as well‘ which is good. Everyone should do art.

Für mich war dieses Interview sehr spannend, ich bedanke mich bei Eran Shakine für seine Bereitschaft zu diesem Gespräch!

Website Eran Shakine:  http://www.eranshakine.com/

Die Ausstellung A Muslim, a Christian and a Jew von Eran Shakine wird im Jüdischen Museum in München vom 21.02.-21.10.2018 gezeigt. Näheres hier: http://museumsfernsehen.de/juedisches-museum-muenchen-ausstellungsvorschau-2018/

Näheres zum erwähnten Projekt in Berlin House of one ist hier zu finden: https://house-of-one.org/de

Die Musik im Beitrag stammt von folgenden Künstlern, übrigens alle auf www.freemusicarchive.org gefunden.

Musiknachweis:

Chiado“ (Jahzzar) /(CC BY-SA 3.0)

„Pigalle“ (Jahzzar) /(CC BY-SA 3.0)

„Jardins du Luxembourg“ (Jahzzar) /(CC BY-SA 3.0)

„Flying“ (Jahzzar) /(CC BY-SA 3.0)

„Montmartre“ (Jahzzar) /(CC BY-SA 3.0)

„Botanic Garden“ (Jahzzar) /(CC BY-SA 4.0)

„Rooftop“ (Jahzzar) /(CC BY-SA 4.0)

„Sculptures“ (Jahzzar) /(CC BY-SA 4.0)

„Candy“ (Jahzzar) /(CC BY-SA 4.0)

„Little Chance“ (Jahzzar) /(CC BY-SA 4.0)

„Please Listen Carefully“ (Jahzzar) /(CC BY-SA 4.0)

Die Lizenz dieses Beitrags richtet sich nach den jeweiligen Lizenzen der verwendeten Musikstücke im Beitrag. Akustisches Plankton ist ein nicht-kommerzieller Podcast.

Quellen für Zahlen zur Religionszugehörigkeit u.a.:

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (2016)

Jüdische Allgemeine (2015)

sowie unter:  https://fowid.de/meldung/religionszugehoerigkeiten-deutschland-2015

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